Zum Inhalt springen
arch
Texte über Architektur, Baukultur und die gebaute Welt

https://arch.mana.how/werkstatt/

← alle Texte

Die Wandwerkstatt

Schichten stapeln und zusehen, was passiert

Eine Aussenwand ist kein Material, sondern eine Reihenfolge. Dieselben Stoffe anders angeordnet ergeben eine Wand, die trocken bleibt — oder eine, in der im Januar Wasser ausfällt. Ziehen Sie unten an den Schichten; alles rechnet mit.

Die Wand als Stapel

Auseinandergezogen, von innen (vorn) nach aussen (hinten). Die Tiefe der Tafeln ist untereinander massstäblich, der Abstand dazwischen erfunden — er ist nur da, damit man jede einzeln sieht.

Wandschnitt — innen links, aussen rechts

Derselbe Schnitt, Wasserdampf im Winter

so viel Dampf ist da so viel kann die Luft hier halten hier fällt Wasser aus

Beide Bilder sind gleich breit und liegen übereinander — was im unteren Bild rot ist, liegt im oberen in einer bestimmten Schicht. Gerechnet für den Normfall der kalten Jahreszeit: innen 20 °C und 50 % Luftfeuchte, aussen −5 °C und 80 %.

Wasser in der Wand, über das Jahr

Die entscheidende Frage ist nicht, ob es im Januar kondensiert — das tut fast jede Wand irgendwo. Sie ist, ob das Wasser bis zum Herbst wieder draussen ist. Gerechnet über zwölf Monatsmittel für den Bodenseeraum; die Zahl unter jedem Monat ist die Aussentemperatur.

Die Schichten, von innen nach aussen

    Die Prozentzahl bei jeder Schicht sagt, welchen Anteil am gesamten Dämmwert sie übernimmt. Bei den meisten Wänden macht eine einzige Schicht über 80 % — und alle anderen zusammen den Rest.

    Die Regel, die dahintersteckt: innen dichter als aussen. Der Aufbau muss den Dampf am Eintreten stärker hindern, als er ihn am Austreten hindert. Wer eine dichte Schicht nach aussen legt — Folie, Stahl, Zementputz —, sperrt die Feuchte in der Konstruktion ein. Warum diese Rechnung Lehm und Stroh unfair behandelt, steht in der Methode.
    Und dann die unbequeme Frage: Wie viel macht diese Wand an einem ganzen Haus überhaupt aus? Meistens weniger, als man denkt — in einem Neubau ist sie nicht einmal der grösste Verlustposten.Diese Wand ins ganze Haus setzen →
    Drei Versuche, die schnell etwas zeigen. Eine Dämmschicht mit den Pfeilen von aussen nach innen ziehen — der U-Wert bleibt, das Taupunktbild kippt. Bei einer schweren Bauweise die Massivschicht dünner ziehen — der U-Wert ändert sich kaum, die Verzögerung bricht ein. Und bei einem Holzrahmen den Haken „zwischen Holzständern" entfernen: Das ist der Unterschied zwischen der gerechneten und der gebauten Wand.
    Und die Frage, die am eigenen Bauvorhaben wirklich ansteht: nicht, was diese Wand kann, sondern was sie mehr kann als die, die man sonst baut. Oben „Vergleichen mit" auf Massivwand mit Wärmedämmverbundsystem stellen — dann steht unter jedem Wert der Gegenwert. Eingefärbt ist nur, wo die Richtung eindeutig ist: Bei Wanddicke und Gewicht gibt es kein „besser". Eine dünne Wand gewinnt Wohnfläche, eine schwere trägt den Sommer.

    Was die Zahlen bedeuten

    Vorwissen braucht es dafür nicht: Unter jeder Zahl steht, was sie bedeutet, und unter jedem Baustoff, was er ist. Am schnellsten lernt man mit einem Versuch — laden Sie eine Bauweise, ziehen Sie die Dämmschicht mit dem Pfeil von aussen nach innen und schauen Sie auf das Feuchtebild. Der Dämmwert bleibt gleich, alles andere nicht.

    U-Wert

    Wie viel Wärme durch einen Quadratmeter Wand verloren geht, je Grad Temperaturunterschied. Kleiner ist besser. Eine ungedämmte Ziegelwand liegt bei etwa 1,4, eine heutige Neubauwand muss in der Schweiz 0,17 unterschreiten — ein Faktor von rund acht. Der U-Wert ist die bekannteste Zahl am Bau und deshalb die überschätzteste: Er sagt etwas über den Winter und nichts über den Sommer, nichts über Feuchte und nichts darüber, was die Wand am Ende ihres Lebens ist.

    Verzögerung und Dämpfung

    Die Sommerseite. Die Mittagshitze braucht Zeit, um durch eine Wand zu wandern — bei einer schweren Wand zehn bis zwölf Stunden. Dann kommt sie mitten in der Nacht an, wenn man die Fenster öffnen kann. Bei einer leichten Wand sind es zwei oder drei Stunden, und der Raum ist am Nachmittag heiss. Die Dämpfung sagt zusätzlich, wie viel von der Schwankung überhaupt ankommt. Diese beiden Zahlen sind der Grund, warum Lehm- und Steinhäuser in heissen Ländern funktionieren, obwohl ihr U-Wert miserabel ist.

    Tauwasser

    Warme Luft hält viel Wasser, kalte wenig. Auf dem Weg durch die Wand kühlt die Luft ab — und wenn sie dabei mehr Wasser mit sich führt, als sie bei der jeweiligen Temperatur halten kann, fällt der Überschuss als Flüssigkeit aus. In der Dämmung ist das ein Problem: Nasse Dämmung dämmt nicht, und Holz, das nicht abtrocknet, verfault. Deshalb ist die Reihenfolge der Schichten kein Geschmack.

    Material und CO₂

    Beides sind Grössenordnungen, keine Offerten. Die Materialkosten enthalten keine Arbeit — und Arbeit ist in der Schweiz der grössere Posten. Die CO₂-Zahl betrifft nur die Herstellung bis zum Werktor und streut in beide Richtungen um etwa die Hälfte. Sie taugt zum Vergleichen zweier Aufbauten, nicht als Bilanz.


    Weiter: zwanzig Bauweisen im Vergleich · wie hier gerechnet wird und was das Werkzeug nicht ist