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Texte über Architektur, Baukultur und die gebaute Welt

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Ansichtsmuster: Stampflehm (Pisé)Stampflehm (Pisé) — zum gerechneten Datenblatt

Bauen mit Erde

Das häufigste Baumaterial der Welt gilt als Zeichen von Armut


Das meistgenutzte Material der Welt

Etwa drei Milliarden Menschen leben, arbeiten und lernen in Gebäuden aus Erde — aus Lehm, Ton, Stampflehm, Adobe. Damit ist Erde der am häufigsten verbaute Werkstoff der Erde. Nicht Beton, nicht Stahl, nicht Ziegel.

Man würde erwarten, dass ein Material dieser Verbreitung auch entsprechendes Ansehen geniesst. Das Gegenteil ist der Fall. Bauen mit Erde gilt als arm, rückständig, primitiv. Wo die Industrialisierung hinkam, wurden Lehmbautraditionen aufgegeben und durch Materialien ersetzt, die teuer sind und an fossile Energie gebunden.

Dabei ist der technische Befund eindeutig: Erde hat eine hervorragende thermische Masse und eine sehr niedrige graue Energie — also wenig Energieaufwand für Gewinnung, Herstellung und Transport. Sie muss nicht gebrannt werden. Sie muss meistens nicht weit reisen. Am Ende ihres Lebens ist sie wieder Erde.

Kein neues Wissen

Der Umgang mit dem Material ist über Jahrtausende erforscht und verfeinert worden.

In Westafrika lässt sich das Bauen mit Lehm und Adobe Jahrtausende zurückverfolgen. Die Dogon im heutigen Mali und im Nordwesten Burkina Fasos entwickelten eine hoch entwickelte Lehmbauweise — ein Wissen, das durch die anhaltenden bewaffneten Konflikte in der Region gegenwärtig abzureissen droht.

In der europäischen Überlieferung steht es an prominenter Stelle: Vitruv widmet in seinen Zehn Büchern über Architektur dem Lehmziegel-Mauerwerk ein eigenes Kapitel. Für ihn erfüllte das Material genau die drei Eigenschaften, an denen er Baukunst mass — firmitas, utilitas, venustas: Festigkeit, Brauchbarkeit, Schönheit.

Und im 20. Jahrhundert hat der ägyptische Architekt Hassan Fathy die traditionelle Lehmbauweise nicht nur wiederbelebt, sondern weiterentwickelt — bis hin zu passiv gekühlten Bauten im städtischen Massstab. Sein Buch Architecture for the Poor führte vor, dass Lehmziegel kostengünstig, nachhaltig und schön sein können, und dass das Material praktisch jedem Menschen zur Verfügung steht.

Die thermische Wirkung ist dabei kein Nebeneffekt, sondern der Kern. Eine schwere Lehmwand arbeitet wie eine Wärmebatterie: Sie nimmt tagsüber Hitze auf und gibt sie zeitversetzt wieder ab. In einem Klima mit grossen Tag-Nacht-Unterschieden ersetzt das einen erheblichen Teil dessen, wofür sonst Technik gebraucht wird.

Warum es trotzdem verschwand

Wenn das Material so gut ist — warum hat die industrialisierte Welt es abgeschrieben?

Ein Grund ist strukturell und lässt sich schwer wegdiskutieren: Erde ist nicht überall dieselbe. Ihre Zusammensetzung wechselt von Region zu Region, teils von Grube zu Grube. Genau das macht sie industriell schwer handhabbar. Eine Baustoffnorm beschreibt ein Produkt mit garantierten Eigenschaften; ein Material, das sich alle zwanzig Kilometer ändert, passt schlecht in dieses Raster. Wo nicht genormt werden kann, wird auch nicht geprüft, nicht zugelassen und nicht empfohlen.

Die Folge ist bemerkenswert: In manchen Regionen ist es rechtlich unzulässig, mit Lehmziegeln zu bauen. Ein Material, das dort seit Jahrhunderten verwendet wurde, fällt durch die Bauordnung.

Das Video stellt an dieser Stelle eine Frage, die ich hier ebenso offen stehen lasse, wie seine Autorin es tut: Sind solche Regelungen ausschliesslich der Sicherheit geschuldet — oder hat auch der Einfluss der Baustoffindustrie eine Rolle gespielt, die in einem kostenlosen, überall verfügbaren Material schwerlich ein Geschäft erkennen konnte? Sie beantwortet die Frage nicht, und ich kann es auch nicht. Belegbar ist nur der strukturelle Teil: Ein nicht standardisierbares Material hat in einem Zulassungswesen, das auf Standardisierung beruht, von vornherein schlechte Karten.

Bemerkenswert ist immerhin, dass sich das gerade ändert. In Deutschland etwa existieren inzwischen wieder genormte Lehmbaustoffe, nachdem der Lehmbau jahrzehntelang praktisch aus dem Regelwerk verschwunden war. Die Norm folgt der Praxis, mit einigem Abstand.

Der Umweg über den Pressstein

Wo der klassische Lehmziegel an der Bauordnung scheitert, hat oft ein naher Verwandter Erfolg: der gepresste Erdblock, im Englischen compressed earth block.

Das Verfahren ist alt. Der französische Baumeister François Cointeraux entwickelte bereits 1803 eine mechanische Presse, um Erde zu dichten Blöcken zu verdichten. Entscheidend für die Verbreitung war jedoch eine spätere Erfindung: In den 1950er Jahren baute der kolumbianische Ingenieur Raúl Ramírez eine handbetriebene Presse, die klein, tragbar und dennoch für die Serienfertigung geeignet war. Damit wanderte die Herstellung dorthin, wo gebaut wird.

Der übliche Kunstgriff ist ein kleiner Anteil Zement zur Stabilisierung. Das Ergebnis ist ein Stein, der fester und witterungsbeständiger ist als reiner Lehm — und der einige praktische Vorzüge hat: Er braucht kaum Wasser, muss weder gebrannt noch ausgehärtet werden, ist direkt aus der Presse verwendbar, schwindet und reisst nicht und hat eine Oberfläche, die man ohne Putz sichtbar lassen kann.

Der letzte Punkt ist kein Schönheitsargument am Rande. Ein Material, das unverkleidet bleiben darf, spart nicht nur Schichten — es zeigt auch, woraus das Haus besteht.

Gando

Wie das zusammenkommt, lässt sich an einem Bau zeigen: der Grundschule von Gando in Burkina Faso, fertiggestellt 2001.

Ihr Architekt, Diébédo Francis Kéré, stammt aus dem Dorf. Er machte in Deutschland eine Ausbildung als Zimmerer und studierte anschliessend an der Technischen Universität Berlin Architektur. Noch während des Studiums baten ihn die Bewohner Gandos um Hilfe: Die einzige Schule des Dorfes drohte einzustürzen. Kéré gründete 1998 einen Verein, um Geld für einen Neubau zu sammeln, und entwarf gemeinsam mit der Dorfgemeinschaft.

In Gando sind Beton und Stahl schwer zu bekommen, Holz durch Entwaldung knapp. Lehm dagegen wird seit Jahrhunderten verwendet — gilt aber als vorläufiges Material, weil er bei starkem Regen ausgewaschen wird. Kéré entschied sich trotzdem dafür: Er ist kostenlos, er ist da, seine rötliche Farbe gehört in diese Landschaft, und die Menschen haben eine Geschichte mit ihm.

Die Lösungen sind unspektakulär und genau deshalb überzeugend:

Drei getrennte Klassenräume unter einem gemeinsamen geneigten Dach. Kein importiertes Material, keine Technik, die ausfallen kann, kein Betrieb, der Geld kostet.

Man kann das als Nothilfe-Architektur lesen. Das wäre ein Missverständnis. Hier wird kein Mangel verwaltet, sondern aus den Gegebenheiten eines Ortes eine bessere Lösung entwickelt, als der Import sie geliefert hätte. Kérés Arbeit ist seither international ausgezeichnet worden — 2022 erhielt er als erster afrikanischer Architekt den Pritzker-Preis.

Was daraus folgt

Dieser Text schliesst eine Reihe, in der es dreimal um Verlust ging.

Bauen mit Stein beschrieb ein Material, das Jahrhunderte hält und dem der Stahlbeton den Rang ablief. Warum alles flach ist zeigte, wie mit der Fuge auch das Ornament verschwand — und mit ihm die Antwort auf den Ort. Bauwerke aus Zeit handelte von Landschaften, die für Enkel gepflanzt wurden, und von Wissen, das mit den Gemeinschaften abriss, die es trugen.

Die Schule in Gando ist der Gegenfall. Sie ist aus dem gebaut, was am Ort liegt. Sie nutzt die thermische Masse, statt sie durch Technik zu ersetzen. Ihre Konstruktion bleibt sichtbar, statt unter einer glatten Haut zu verschwinden. Und sie ist mit der Gemeinschaft entstanden, die sie benutzt — das Wissen, wie man sie instand hält, bleibt also da, wo das Gebäude steht.

Bemerkenswert daran ist vor allem, wie wenig es gebraucht hat. Eine handbetriebene Presse. Sechs Prozent Zement. Ein abgehobenes Dach.

Das entscheidende Hindernis für das Bauen mit Erde ist nicht die Technik. Es ist das Ansehen des Materials — und ein Regelwerk, das nur zulassen kann, was sich überall gleich verhält.


Quelle

Redaktionelle Auswertung von „Why We Should Be Building with Dirt“ des Kanals ARTiculations (9 Min., abgerufen am 30.07.2026). Transkript intern in wisekeep: Quelle f348daf7.

Hinweis zur Quellenlage: Die automatische Transkription hat sämtliche Eigennamen verfälscht; sie sind hier nach bestem Wissen richtiggestellt (Diébédo Francis Kéré, Hassan Fathy, François Cointeraux, Raúl Ramírez). Einzelne Jahresangaben — insbesondere zur Entwicklung der handbetriebenen Presse — weichen je nach Darstellung um einige Jahre ab und sind vor einer Weiterverwendung gegen Primärquellen zu prüfen. Ebenso die Angabe von rund drei Milliarden Menschen, die in Erdbauten leben: Sie ist als Grössenordnung verbreitet, nicht als exakt erhobene Zahl.

Worum es geht: material · lehm · stampflehm · thermische-masse · westafrika · normen