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Texte über Architektur, Baukultur und die gebaute Welt

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Ansichtsmuster: BruchsteinmauerwerkBruchsteinmauerwerk — zum gerechneten Datenblatt

Bauen mit Stein

Warum das älteste Baumaterial der Welt ein Comeback verdient


Ein Baustoff verschwindet

Die ältesten von Menschen errichteten Bauwerke, die wir kennen, sind aus Stein. Göbekli Tepe mit seinen T-förmigen Pfeilern und Tierreliefs ist rund 12.000 Jahre alt. Die ägyptischen Pyramiden stehen, die griechischen Tempel stehen. Über Jahrtausende war Naturstein der selbstverständliche Baustoff — verfügbar fast überall, hart, dauerhaft und schön.

Dann, im 20. Jahrhundert, verschwand er fast vollständig aus dem konstruktiven Bauen. Übrig blieb die Verkleidung: Stein als dünne Platte vor einer Konstruktion aus anderem Material.

Die Gründe dafür sind weniger technisch als wirtschaftlich und kulturell. Die Nachkriegsökonomie belohnte Tempo und Menge. Der Stahlbeton lieferte beides und dazu eine Gestaltungsfreiheit, in die sich die Architektur verliebte. Um dieses eine Material herum baute sich eine ganze Industrie auf — und Bauindustrien sind träge und risikoscheu. Wer heute mit Stein bauen will, kämpft nicht gegen Physik, sondern gegen eingespielte Lieferketten, Normen und Gewohnheiten.

Was für Stein spricht

Haltbarkeit

Der entscheidende Unterschied liegt in der Statik. Stein arbeitet unter Druck — in Bögen, Gewölben, tragenden Wänden. Stahlbeton dagegen arbeitet unter Zug: Stahlstäbe im Inneren nehmen die Zuglasten auf. Genau diese Bewehrung ist seine Schwachstelle. Ohne aufwendige Schutzmassnahmen beginnt sie nach etwa fünfzig Jahren zu korrodieren, treibt auf und sprengt den Beton von innen.

Daraus folgt ein bemerkenswerter Gegensatz: Betonbauten und -brücken verfallen. Steinbauten tun das nicht. Sie stehen einfach da, bis jemand sie abträgt.

Eine andere Konstruktionslogik

Mit Stahlbeton und Stahl kam das Skelett: ein tragendes Gerüst, an das nichttragende Fassaden gehängt werden. Dieses System dominiert heute weltweit.

Baut man mit Stein, werden die Wände wieder selbst tragend. Das Verfahren heisst Massive Pre-Cut Stone: grosse Blöcke, im Steinbruch oder auf der Baustelle maschinell auf Mass gesägt. Weil die Blöcke gross sind, braucht es wenige Schnitte — das spart Kosten. Weil sie sich als Module schneiden lassen, wird der Bau zu einer Art Bausatz: schneller, effizienter, günstiger als sein Ruf.

Gebaut wird so bereits. 15 Clerkenwell Close in London (Amin Taha und Groupwork, 2017) trägt ein vollständig lastabtragendes Exoskelett aus Stein, an das die Betondecken anschliessen.

Das Deckenproblem — und seine Lösungen

Geschossdecken sind der wunde Punkt, denn sie arbeiten unter Zug, und darin ist Stein schwach. Es gibt aber mehrere Auswege:

Ökobilanz

Für Stein gräbt man im Wesentlichen ein Loch. Für Stahlbeton mehrere: Zuschlagstoffe, Kalk für den Zement, Sand, dazu Eisenerz für die Bewehrung — meist aus verschiedenen Lagerstätten. Der Eingriff in die Landschaft ist entsprechend grösser. Beim Sand kommt hinzu, dass seine Gewinnung mancherorts längst kriminelle Züge angenommen hat und Flussufer-Ökosysteme zerstört.

Rund die Hälfte der modernen Steinbrüche arbeitet bereits rein elektrisch; die andere Hälfte betreibt ihre Anlagen noch mit Dieselaggregaten. Vollelektrischer Abbau ist technisch möglich — hier liegt der offensichtlichste Hebel.

Der stärkste Gedanke ist aber ein anderer:

Jedes Steingebäude ist ein künftiger Steinbruch.

Das ist keine Theorie, sondern gelebte Baugeschichte. Aus einem römischen Amphitheater wurde eine gotische Kirche, aus deren Fassade später ein Renaissance-Palazzo. Voraussetzung ist echte Masse: massive Wände, deren Steine sich immer wieder herauslösen und neu versetzen lassen. Dünne Verblendplatten können das nicht.

Dazu kommen zwei Nebeneffekte: Massive Steinwände haben so viel thermische Masse, dass zusätzliche Dämmung teilweise entfallen kann — das Büro Atelier Archiplan hat auf dieser Grundlage einen Wohnungsbau realisiert. Und aus Stein gesägte Ziegel sind eine CO₂-arme Alternative zum gebrannten Backstein, weil der Brennofen wegfällt.

Schönheit

Der Punkt ist weicher, aber nicht unwichtig. Naturstein hat eine Maserung, eine Textur, eine Haptik, die Menschen mögen — vom honigfarbenen Bath Stone bis zum belgischen Blaustein. Ein lokal gebrochener Stein gibt einer Stadt ihren eigenen Charakter; Amsterdams graublaue Sockel, Stufen und Bordsteine stammen bis heute aus belgischen Kalksteinbrüchen.

Und Stein lässt sich bearbeiten. Ornamente und Profile, ob von Hand oder maschinell gefräst wie bei Monumental Labs in New York, überdauern Jahrhunderte.

Die üblichen Einwände

Geht uns der Stein aus? Unter unseren Füssen liegt eine rund 15 Meilen dicke Erdkruste aus Gestein. Nein.

Trägt Stein in die Höhe? Ja. Fernand Pouillon baute nach dem Zweiten Weltkrieg in Marseille einen 16-geschossigen Turm aus massiven Steinblöcken und in Algier einen mit 20 Geschossen. Der Kölner Dom kommt auf 157 Meter. Ob wir so hoch bauen wollen, ist eine andere Frage — können wir es.

Ist Stein zu teuer? Das ist der interessanteste Punkt, denn hier steckt ein Marktversagen. Steinbrüche verkaufen oft nur 10 Prozent ihres Ausstosses, in manchen Fällen sogar nur 3 Prozent — der Rest gilt als unverkäuflich, weil eine Ader „falsch“ verläuft oder die Färbung nicht der Erwartung entspricht. Für dekorative Zwecke mag das zählen. Für ein konstruktives Material ist es gleichgültig. Dieser „unsexy stone“ ist entsprechend billig, weil ihn zwanzig Jahre lang niemand wollte.

Dazu kommt: Naturstein ist im direkten Preisvergleich oft günstiger als gesinterte Materialien, Keramik oder Komposite — aber hinter diesen stehen Marken mit Marketingbudgets, während der lokale Steinbruch keines hat. Wer im Küchenstudio steht, bekommt deshalb selten Naturstein empfohlen.

In Frankreich wird bereits sozialer Wohnungsbau aus Stein errichtet. Dort hat man die Rechnung mit Dämmwirkung und Lebensdauer gemacht und für tragfähig befunden.

Die eigentliche Frage

Am Ende ist es keine technische Frage, sondern eine Entscheidung darüber, in welchem Zeithorizont wir rechnen:

Wollen wir Gebäude, die Jahrhunderte stehen und sich am Ende zerlegen und wiederverwenden lassen? Oder Gebäude, die wir nach fünfzig Jahren abreissen, weil ihre Bewehrung durchgerostet ist, und deren Trümmer als schwer verwertbarer Abfall anfallen?

Wenn fossile Brennstoffe subventioniert werden und „klimaneutraler“ Zement ebenfalls — warum dann nicht ein sauberes, lokal verfügbares, wiederverwendbares Baumaterial?

Der zweite Schritt wäre, diese Bauten auch schön zu machen. Denn was Menschen schön finden, reissen sie nicht ab. Dauerhaftigkeit ist zur Hälfte eine Frage der Konstruktion und zur Hälfte eine Frage der Zuneigung.


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Warum alles flach ist verfolgt dieselbe Bewegung von der anderen Seite: nicht über das Material, sondern über die Fuge. Massive Bauteile, die einander überlappen, brauchen keine chemische Abdichtung — und aus dieser Notwendigkeit entstand das, was wir Ornament nennen.

Bauwerke aus Zeit treibt die Frage nach dem Zeithorizont auf die Spitze: Waldgärten sind Bauwerke, deren Bauherr das fertige Werk nie zu sehen bekommt.

Bauen mit Erde stellt dem Stein sein noch häufigeres Gegenstück gegenüber — ein Material mit denselben Vorzügen, das an seinem schlechten Ruf und an der Bauordnung scheitert.

Fundstellen zum Weiterverfolgen

Thema Ansatzpunkt
Tragendes Stein-Exoskelett 15 Clerkenwell Close, London — Amin Taha / Groupwork, 2017
Massivbau aus Stein, Hochhaus Fernand Pouillon: Marseille (16 Gesch.), Algier (20 Gesch.)
Bewehrungsfreie Betongewölbe Vaulted AG (CH)
Thermische Masse statt Dämmung Atelier Archiplan
Maschinelle Steinbearbeitung Monumental Labs, New York
Belgischer Blaustein Carrière du Hanon (BE) — Kalkstein, seit über 135 Jahren
Gegenstück Stahlbeton: Sandabbau, Emissionen, Lebensdauer

Quelle

Dieser Text ist die redaktionelle Auswertung von „Why We Should Build With STONE (Again)“ des Kanals The Aesthetic City (16 Min., abgerufen am 30.07.2026), mit Interviews im Steinbruch Carrière du Hanon (Belgien) und mit Pierre Bidaud von der Stonemasonry Company in London.

Transkript und Volltext liegen intern in wisekeep: Quelle 7938272b.

Hinweis zur Quellenlage: Die automatische Transkription hat Eigennamen teilweise verfälscht und einzelne Passagen fälschlich ins Deutsche übersetzt. Namen, Zahlen und Projektangaben in diesem Text sind vor einer Veröffentlichung gegen Primärquellen zu prüfen — insbesondere die Steinbruch-Ausbeutequoten (10 % / 3 %) und die Geschosszahlen der Pouillon-Bauten.

Worum es geht: material · naturstein · konstruktion · nachhaltigkeit · stahlbeton